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Waren das noch Zeiten ...

1983: China öffnete sich für Einzelreisende, aber die Einreise war nur über Hongkong möglich.

Also: Flieger nach London (Heathrow) und dann der Trip in eine andere Welt nach Hongkong. Glitzernde Paläste (Hotels und Kaufhäuser, das KaDeWe war eine Bruchbude dagegen), aber auch einfaches Leben auf der Straße ...

Chinesisches Schach - ich verlor alle Partien, aber nicht weil ich schlechter war. Alle wollten mir helfen - die Kiebitze waren ohne Gnade. Auch wenn ich klar auf Gewinn stand, ich musste ihre Züge ausführen. Westliches Schach kannte niemand - Englisch: Fehlanzeige. Fahrräder in Massen auf allen Straßen. Gemütliches Tempo, aber es ging zügig voran. Tempo: 15 km/Std.

Damals hatte ich die Vision, alle Hauptstraßen Berlins in Fahrradstraßen umzuwandeln.

Heute ist es umgekehrt: China propagiert den Stau und Berlin die autofreie Innenstadt.

Inzwischen sind die Chinesinnen bei den Damen das nonplusultra im Schach und bei den Herren sieht es kaum schlechter aus. Allerdings sind nicht die Nachfahren Emanuel Laskers die eigentlichen Konkurrenten, sondern 12jährige Inder und Iraner spielen phantastisches Schach.

Noch ist ein Europäer der unumstrittene Weltmeister, der Norweger Magnus Carlsen, aber es ist nur eine Frage der Zeit bis er von einem jugendlichen "Titanen" abgelöst wird. Deutschland hat seinen Vincent Keymar und er ist ein Glücksfall für das deutsche Schach. Trotzdem ist unklar, ob die deutschen Trainingsmethoden ausreichen, um Vincent in die absolute Top-Kategorie zu katapultieren.

Nirgendwo in der Welt gibt es eine so hohe Leistungsdichte wie in Deutschland, aber die Spitzenspieler fehlen uns. Liegt es nur an den finanziellen Anreizen und dem Risiko, ein Profischachspieler zu werden? Keine Frage, ein mittelmäßiger Fußballer kann eher von seinem Sport leben als ein Supergroßmeister. ... und trotzdem, warum hat ein vergleichbares Land wie Frankreich deutlich mehr Spitzenspieler als wir?

Ich weiß es nicht, aber wir sind schon zufrieden, wenn ein Spieler bei uns die 2.500 Elo erreicht, im Leistungssport bedarf es aber bereits der 2.700 oder gar 2.800 Elo. Das Vereinsschach scheint günstig für den Breitensport (bis 2.300 Elo) zu sein, aber die Vereinsinteressen sind offensichtlich hinderlich für den Spitzensport. Welcher Verein ist schon stolz darauf, dass er seinen jugendlichen Spitzenspieler z. B. an die Schachfreunde Berlin verloren hat.

Das Problem besteht darin, dass das Vereinsinteresse über die persönliche Entwicklung des einzelnen Spielers gestellt wird. Ich denke, dass der SK Zehlendorf stolz darauf sein kann, wenn es in ein paar Jahren einzelnen Spitzenspielern gelingt, Stammspieler in einer Mannschaft der 1. Bundesliga zu werden.

 

Helmut Flöel