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Vladimir, unser "Mann in London" ...

Vladimir Nowak - WM 2018

Sonderbericht von Vladimir Nowak:

 

London Schachweltmeisterschaft

Vom 7. bis zum 19. November 2018 war ich auf Einladung von Worldchess in London. Ich war angereist wegen der Schachweltmeisterschaft, die zwischen dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen und dem amerikanischen Großmeister Fabiano Caruana stattfindet. Zuvor war meine Einschätzung gewesen, dass Carlsen ohne viele Probleme das Turnier gewinnen würde, wie falsch ich lag ...

(Ich finde es übrigens großartig, dass FIDE und Worldchess sich auf London geeinigt haben, wo schon so viele bedeutende Schachturniere stattgefunden haben. Das Turnier findet im College, in Zentrallondon, neben den vielen Touristen, Businessleuten und Studenten statt.)

 

Am 9.11, also dem ersten Spieltag, wurde ich in meine Rolle eingeführt. Naja, nicht wirklich. Sie meinten, ich wüsste schon alles und ich würde zurechtkommen. Was machte ich da? Ich war verantwortlich für die Spielerzone und sollte eine Kontaktperson sein zwischen den Schiris und Worldchess. Also machte ich mich schnell auf, um das Gelände im College kennenzulernen. Dieses Mal war vieles anders als beim Kandidatenturnier, klar das war die Weltbühne, wie der Slogan auf dem Tisch von Carlsen und Caruana andeutete.

 

Es gab eine Glasscheibe, die die Zuschauer von den Spielern trennte, es gab nur sehr bestimmte Leute, die zugelassen wurden und es waren absolut keine Handys erlaubt. Die ersten Leute, die ich da traf, waren Stephan Escrafe, Nana Alexandria und Ashot Vardapetyan, allesamt von der FIDE und dafür zuständig, dass alle Regeln befolgt wurden. Ich freundete mich schnell mit allen an, besonders Stephan. Ein „fetter Franzose“ wie er sich selbst manchmal nannte, war er immer stets gut drauf und wir tauschten uns über unsere Zusammenarbeit oft aus.

 

Ich war sehr aufgeregt, die Spieler endlich zu sehen und nachdem ich den Spielraum, die Spielerlounge und alles gecheckt hatte, hakte ich die Zeit ab … Um 2.47 war es endlich soeit. Caruana kam als erster an, nickte mir freundlich zu und ging hinein. Er sah sehr selbstbewusst aus, was sich aber im Laufe des Turniers änderte. Als Carlsen kam, war ich erst ein bißchen nervös, aber als Henrik, der Vater von Carlsen, mir zuwinkte, wurde ich wieder ruhiger. Übrigens, Henrik ist ein sehr netter Typ und wir haben uns gut verstanden. Jetzt war es Matchtime und was für ein langes, direkt am ersten Tag. Man konnte spüren, dass beide alles auf das Brett legten. Das hin und her dieses Spieles ist euch wahrscheinlich allen bewusst. Auch hinter den Szenen konnte man sehen, wie Carlsen immer wieder in die Lounge zurückkam und dastand, um die Position vorm Fernseher besser zu analysieren, wie Caruana gelassen in der Coach saß und dann später sich nicht mehr vom Spieltisch rückte, bis er sicher war, dass es ein Remis werden würde.

 

Nachdem das Spiel vorbei war, bin ich müde nach Hause gefahren.  Ich hatte insgesamt 13 Stunden da verbracht, nicht schlecht für den ersten Tag. Die folgenden Spieltage waren nicht weniger interessant, aber leider kürzer … Ich wurde immer wieder überrascht, dass Caruana so gut spielte und sich offensichtlich immer besser vorbereitete als Carlsen. Es kam während des Turnieres sogar der Spruch zustande „Black is the new White“. Remis auf Remis folgte und die Zuschauer und Reporter wirkten zunehmend verblüfft. Kann es so was überhaupt geben?

 

Ein Reporter flehte sogar bei der Pressekonferenz Magnus an, endlich mal zu gewinnen. Wo wir beim Thema von Pressekonferenzen sind, mir haben die immer gut gefallen, denn hier konnte man immer gut die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Spieler für sich selbst entdecken. An eine Frage kann ich mich noch gut erinnern. Der Reporter fragte, „Welche Idole hatten Sie als Sie aufwuchsen (an beide Spieler gerichtet)?“ Caruana, der sehr respektvoll ist, antwortete, dass ihm wahrscheinlich während seiner jungen Jahre Bobby Fischer als Inspiration gedient habe. Carlsen hingegen sagte: „Ich bin nicht der Typ, der Idole hat. Aber wenn ich wirklich einen aussuchen müsste, dann wäre ich es selbst, so um die 23 Jahre alt ...“.

 

Es lief so weiter und weiter, sie probten sich auf dem Schachbrett, wie auch in Person. Um so Spiel 4 wurden angeblich Caruanas Eröffnungsvorbereitungen geleckt. Danach war Caruana für die nächsten zwei Spiele sehr nervös, aber beide Partien endeten mit Remis. Ich finde, dass die Zuschauer auch sehr angenehm waren. Ich hatte nicht so viel mit ihnen zu tun, aber wenn ich eine Pause nahm, geriet ich manchmal in Gespräche mit Reportern und Zuschauern. Wir besprachen die Partie und ich gab meinen Input.

 

Natürlich waren 60 Prozent meiner Varianten nicht richtig, aber es gelang mir manchmal den richtigen Zug/Plan oder Zugfolge herauszufinden. Ich denke, wenn man ein paar Spiele von den besten der besten, der Crème de la Crème sieht, sogar wenn man nicht alles versteht verbessert man sein Spiel. Die Tage waren immer verschieden, aber wenn ich Worldchess das Spielresultat angab, war es immer das Gleiche: "Remis."

 

Außerhalb des Schachs habe ich viel kulturelles gemacht. Ich sah Kunstaustellungen, Theaterstücke, Konzerte, Parks, Buckingham Palace, Zentral/ Nord und Südlondon und viele Menschen. Ich war bei Familienfreunden untergebracht und verbrachte viel Zeit mit ihnen.

 

Insgesamt ist dieses Erlebnis für mich von großer Wichtigkeit gewesen, denn ich habe nicht nur die besten Spieler spielen gesehen, sondern auch, wie sie hinter den Szenen so sind, ob die Gerüchte um Magnus stimmen usw. Ich muss Helmut auch danken, denn er hatte mich auf das Kandidatenturnier gebracht und damit auch auf die Weltmeisterschaft. Die Frage, die natürlich offen bleibt ist, wer wird Weltmeister?

 

 

 

 

Helmut Flöel