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Landesliga - Sonderbericht von IM Atila Figura: Wettkampfstrategie aufgegangen, Startzielsieg!

2,5 Punkte - Rahls - Dr. Budt - Penner

In der ersten Runde gab es das Duell der nominellen Favoriten der Landesliga:

SF Berlin 4 - SKZ 2

Bekanntermaßen ist es schwer, die Aufstellung der Schachfreunde zu prognostizieren, weshalb wir ein wenig im Dunklen tappten. Ebenso hatten jedoch auch unsere Gegner eine etwas andere Aufstellung erwartet:

SF Berlin 4   -  SK Zehlendorf 2          =         3,5 : 4,5 

IM Lars Thiede, 2380                        -            Atila Gajo Figura, 2308                         ½:½
Johannes Florstedt, 2314                 -            Jürgen Brustkern, 2158                        1:0 
FM Stefan Brettschneider, 2243      -           Dr. Faris Kalabic, 2211                          ½:½
FM Siegfried Weber, 2223                 -           FM Peter Rahls, 2162                            0:1
Mark Müller,  2099                             -           Dr. Matthias Budt, 2158                        0:1
Jens Kretzschmann, 2056                 -            Markus Penner, 2033                           ½:½
Thorben Lindhauer, 1965                  -          Truong-Son Nguyen Luu, 2043            0:1
Roberto Di Candia, 1949                   -            Thomas Heerde, 1988                          1:0

DWZ-Schnitt: 2154 : 2133

Damit haben wir FM Dr.W. Heinig, FM K. Ribic, W. Klimm, J. Behrmann, C. Glinzer und M. Hasic daheim gelassen. Seitens der Gegnerschaft war ich mit der Nominierung von FM Siegfried Weber etwas überrascht, da er für gewöhnlich nur selten antritt. Dies zeigt jedoch abermals den Respekt, den die Schachfreunde uns zollen. Unabhängig von der Aufstellung war unsere Marschroute für den Wettkampf klar vorgeschrieben: Vorne mussten wir an den ersten 4 Brettern mindestens ausgleichen und zwischen Brett 5 und 8 komplett auf Kampf setzen, wodurch sich unsere Aufstellung begründet. Dieses Mal kam hinzu, dass auch bei den Schachfreunden hinten ein paar Spieler fehlten.

Entsprechend der Wettkampfstrategie bin ich nach einigem kurzen Nachdenken von meiner eigentlichen Vorbereitung abgewichen und wählte die normale Variante, in der ein risikoloses Spielen auf Gewinn zwar möglich wäre, aber im Sinne der Strategie kombinierte ich dies mit einem frühen Remisangebot, um IM Lars Thiede - einen nur schwer zu bezwingenden Gegner - umgehend zu neutralisieren, welches er annahm. Nach der Partie sprach er bzgl. der Variante von drei Wahrscheinlichkeiten: 90% Remis 10% gewinnt Weiß und 0% Schwarz ... und auf diese 0 % wollte er nicht spielen. Damit war jedenfalls die Spitze der Schachfreunde leicht geschwächt - auf Kosten einer Weißpartie. 0,5:0,5

Eine weitere Weißpartie endete nur wenig später ebenfalls mit einem Remis: Faris traf auf einen gut vorbereiteten Gegner, der vieles bis ins tiefe Mittelspiel analysierte. Dies zeigte nicht nur der Bedenkzeitverbrauch von ca. 0:50 zu 1:25, sondern auch die anschließende gemeinsame Analyse. Die Stellung verflachte, so dass beide Seiten mit einem Remis zufrieden waren. Einerseits war es tatsächlich eine Weißpartie, andererseits haben wir so einen weiteren halben Zähler an den vorderen Brettern erzielt. 1:1

Soweit die Ereignisse der frühen Entscheidungen. Bis dahin zeichnete sich folgendes Bild ab: Jürgen hat die Eröffnung suboptimal behandelt und kämpfte im Mittelspiel mit einem Minusbauern. Der Joker der Schachfreunde,  Siegfried Weber, wählte einen optimistischen Aufbau in der Englischen Eröffnung mit einem frühzeitigen Königsangriff. Jedoch fehlte dort die positionelle Grundlage, weshalb Peter kaltblütig entgegnete und eine aussichtsreiche Stellung mit einem soliden Zeitvorsprung erhielt. Daher sah diese Partie recht vorteilhaft für uns aus.

Matthias kam gut aus der Eröffnung heraus - wie sich letztlich herausgestellt hat, war er glänzend vorbereitet - und besaß eine Stellung mit einem spürbaren Positionsvorteil. Bei Markus sah alles recht solide, klassisch aus, die strukturell meiner Partie gegen Lars ähnelte, die eine hohe Remisquote besitzt. Son konnte sich einen optischen weißen Vorteil aneignen, während Thomas nach einer kreativen und riskanten Eröffnungsbehandlung durch ungenaues Spiel seines Gegners mehr und mehr die Initiative eroberte. Daher schien die Wettkampfstrategie aufzugehen.

Dieser Zwischenstand hielt sich nicht nur während der ersten Stunden, sondern verbesserte sich durch den Umstand, dass Jürgen plötzlich wieder neue Chancen erhielt, zurück ins Spiel zu kommen. Sobald die Zeitnotphase immer näher heran rückt, steigt die Nervösität, die Konzentration wird schwächer, im Turniersaal wird es unruhiger - auch weil zunehmend mehr Partien beendet und vor Ort analysiert wird - weshalb sich die Fehler häufen und die Partien teilweise mehr dem Roulette ähneln. So verschlechterte sich die Stellung von Son zunehmend, während Thomas eine objektiv gewonnene Stellung bei noch beiderseitigen 2 min für ca. 17 Züge erarbeitet hatte. Peter konnte hingegen von seinem großen Zeitvorsprung von ca. 5 min gegen 2min und der besseren Stellung nichts Greifbares erreichen. Zumindest hat Peter den Vorteil bis über die 40 Züge aufrechterhalten können und behielt mit Dame gegen 2 Türme bei einem wackeligen König und zahlreichen Bauernschwächen Chancen. Matthias hatte inzwischen eine Qualität gewinnen können und besaß ein sicheres, gewonnenes Endspiel. Da gab es keinen Grund sich Sorgen zu machen. Derweil remisierte Markus seine Partie zum 1,5:1,5. Nunmehr in der Zeitnotphase zerbrach Jürgen bei seinem Gegenangriff, indem er ein paar taktische Probleme bei knapper Zeit nicht richtig einschätzen konnte und musste deshalb aufgeben. Dann folgte ein Schockmoment: Thomas verrechnet sich in Zeitnot und bluffte anschließend mit nur noch wenigen Sekunden. Der Gegner fiel auf den Bluff hinein, sodass Thomas statt eines glatten Minusturms nur die Minusqualität für einen Bauern hatte. Damit schien das Endspiel wenigstens noch haltbar zu sein. Durch eine falsche Abschätzung der Verteidigungschancen traf er in Zeitnot eine weitere Fehlentscheidung, die seinen Untergang bedeutete. Temporär 1,5:3,5

Nach wenigen Minuten und einem kurzen Revue-Passieren der Partie mit Thomas ging ich wieder zurück in den Turniersaal und sah plötzlich, dass Son unerwartet eine klare Gewinnstellung besaß, weshalb der Gegner unmittelbar aufgab. Die spätere Analyse zeigte, dass der Gegner einen eindeutigen Gewinnweg in der Blitzphase verpasste ... Weitere Minuten und kurz nach der Zeitnotphase stellte der Gegner von Matthias jeglichen Widerstand ein und gab auf. 3,5:3,5

Durchatmen! Es lief damit nur noch die Partie der beiden ältesten Spieler: Peter Rahls - Siegfried Weber! Wie bereits beschrieben, besaß Peter gute Gewinnchancen im Endspiel. Trotz des zähen Widerstands konnte Peter nach einem langen Kampf letztlich den großen Bigpoint erzielen und damit den Start-Ziel-Sieg sichern! Insgesamt war es ein knapper, aber verdienter Sieg, auch wenn die Schachfreunde während der Zeitnotphase für eine kurze Zeit die Möglichkeit hatten, den Wettkampf für sich zu entscheiden. Mit diesem Kampfgeist und manchmal dem Quäntchen Glück können wir positiv nach vorne blicken! Die nächsten Kämpfe werden gewiss nicht leichter werden - schließlich ist der nächste Kampf immer der schwerste - wir stellen uns der Herausforderung! Denn nur so verdienen wir den Aufstieg in die Oberliga, was unser primäres Ziel darstellt. Mit diesem Sieg gab es daher eine klare Kampfansage an die Konkurrenz.

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Helmut Flöel