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4. Mannschaft: Sonderbericht von Ingmar

Liebes Team,

nachdem ich nun etwas Zeit hatte mich von den BMM-Ereignissen des heutigen Vormittags zu erholen, lasse ich euch an den Geschehnissen aus meiner Sicht so gut es geht teilhaben:

Alle waren pünktlich erschienen und setzten sich, dem Wetter entsprechend gut gelaunt, an die Bretter.

Wir gingen als Favoriten ins Rennen in diesem immer wieder netten Lokal-Derby. An allen Brettern an DWZ überlegen, nur am achten Brett war Aurel als Ersatzmann eingesprungen und etwa gleichauf. Die Königsjäger, wie schon angekündigt, als Jugend- und Teenagemannschaft angetreten, machte auf mich einen sympathischen und kampfeslustigen Eindruck.

Pünktlich ging es los! Und alle, bis auf einen, konnten sich an schönem Schach erfreuen. Dieser bedauernswerte Pechvogel war…. ich selbst; mein Gegner war nicht erschienen und so lümmelte ich eine halbe Stunde rum und versuchte mich an den Eröffnungen der anderen zu laben (0 : 1).

Mannschaftsmäßig ein guter Start aber persönlich etwas enttäuschend, wie jeder nachvollziehen kann, der sich sonntags in der Früh auf eine anständige Partie gefreut (und vorbereitet) hat, naja …

Auffällig war, dass Johann und Boris die gleiche, um nicht zu sagen identische Eröffnung wählten und in beiden Fällen ihre Gegner überspielten.

Doch der erste Clou gelang Lukas. Er hatte in dieser Saison noch nicht das rechte Händchen gehabt, doch gegen die Königsjäger hatte ich schon vor Wochen so ein gewisses Gefühl, dass er hier zeigen würde, was er kann. Und tatsächlich spielte er eine famose Partie und just als ich ihm über die Schulter spähte – der gegnerische König war im Mittelspiel aufs Feld getrieben worden, sah Lukas eine schöne Gabel, sagte Schach und notierte, so wie sein Gegner, brav und zufrieden seinen Zug. Ich konnte nicht umhin seine Schachgebot um ein kleines aber entscheidendes Wörtchen zu ergänzen: Matt. Das Erstaunen war beiderseits entsprechend (0 : 2).

Aurel hatte derweil eine gegabelte Figur eingestellt, kämpfte weiter, erlag aber seinem folgenden Figurentausch. Bernds Eröffnung missglückte und seine Verteidigung bröckelte plötzlich rasend schnell (2 : 2).

Erst Boris und dann bald Johann gewannen dann, eigentlich seit dem 8ten Zug absehbar, ohne nennenswerte Gegenwehr (2 : 4), und die Sache wäre unter normalen Umständen mit zwei zu erwartenden Siegen an den ersten Brettern so gut wie geritzt ... tjaaaa.

Matthias hatte ungewöhnlicher Weise schon mit seinem Königsangriff begonnen, so dass sein Gegner entsprechend reagierte und der erkämpfte Mehrbauer irgendwie nicht zum Tragen kam.

Und bei Anja brannte das Brett. Ein unangenehmer Läufer auf h7, ein weiterer unerfreulich aussehender Läufer auf b3, eine fiese Dame auf b4 und ein wirklich übles Turmpaar auf d1 und e1 – ach du liebes Schach – aber irgendwie hielt alles (bzw. der Gegner nutzte dankbarer Weise nicht alle zur Verfügung stehenden Taktiken – puh – und außerdem liebt Anja Druck).

Ein halber Punkt, ein halbes Pünktchen zum Mannschaftssieg – ein My entfernt vom Triumph.

Ok, wir wissen, dass Anja unter Druck besser spielt. Wir wissen auch, dass Matthias ein routinierter Taktiker ist – nach kurzer Absprache mit Johann, erklärte ich beiden die Situation: „Ein Remis würde reichen!“

Und plötzlich blühte Anja auf. Drei gute Tempozüge ihrerseits, drei unmotivierte Damenzüge seinerseits. Drohungen an allen Ecken und Enden und schließlich seine Entscheidung, den Angriff abzublasen und haufenweise Figuren zu liquidieren. Damen weg, Läuferpaare futsch und nur noch je ein Turm und Anja hatte die Initiative und den Raum und sie war so toll, toll, toll. Sie würde das Endspiel gewinnen, sie würde ihrem Gegner so richtig zeigen…sie kennt ja selbstverständlich Bernd Rosens: „Fit im Endspiel“, mit seinen Ausführungen über Umwandlungsfelder, Quadratregel und den Turmendspielen  … das kennt sie bestimmt …

Matthias spielte derweil cxd4 und plötzlich gab die bis dahin absolut passive gegnerische Dame ein vorhersehbares Schach auf b5 und traf den noch nicht rochierten König völlig unvorbereitet und zu allem Überfluss unterbrach dies den Angriff von Matthias abrupt. Und was soll ich sagen: nicht genug damit. Im 29sten Zug begann bei beiden die Zeitnotphase. Alle stellten sich auf das heißeste und schnellste Duell aller Zeiten ein, in dem jeder Spieler den entscheidenden Zug oder Fehlgriff machen konnte – doch es kam anders!

So schnell dreht sich das Blatt im Schach: jetzt hatte Anja klares Oberwasser und Matthias war arg in Bedrängnis… erinnern wir uns: ein halber Punkt, nur ein halbes Pünktchen. Den Königsjägern war klar, dass sie in kein Remis einwilligen konnten und sie kämpften entschlossen und gaben sich bar der entsprechenden Angebote renitent und ließen sich verständlicher Weise nicht auf diesen Kuhhandel ein!

Matthias hatte die Übersicht scheints verloren und die Türme des Gegners brachen dank günstiger Fesselungen durch, doch auch dieser zog nahe der Panik und fand nicht die entscheidenden Züge. Matthias am Zug, noch 7 Züge bis zur Zeitkontrolle, 1 Minute und 3 Sekunden auf der Uhr, 1 Minute 2 Sekunden, 1 Sekunde, 60, 59, 58 ….24, 23, jetzt zieh endlich! Ok, gezogen … Gegner braucht auch endlos, übersieht die Gabel, zieht seinen Turm nach… Matthias am Zug: 22, 21, 20, …., 11, neiiin, 10, 9, 8, (Tränen schossen in meine Augen, weil Matze nicht mitschreiben musste und daher nicht sah, dass die 40 nicht erreicht war), 7, 6, 5, (bitte, bitte, mach einen Zug!!!), 4, 3, 2, 1… ( 3 : 4 ).

Ich war atemlos, taumelte zwei Runden durch den Raum und ging ans zweite Brett (sollte ich mich das in meinem Zustand wirklich trauen?). Anjas Gegner hatte nach 60 Zügen noch 11 Minuten Anja 50 Minuten und die bessere Stellung (glaubte ich) – die Türme rauschten über die Felder. Anjas Gegner hatte jetzt nur noch unter 3 Minuten übrig und Anja 41, jetzt einmalige Stellungswiederholung, Anja ermattet, ihr Gegner murmelt heiser und genervt „kein Remis“, sie hat keinen Plan er nur ein wenig mehr aber sie würde es über die Zeit retten und auf keinen Fall die Türme tauschen; zack, Türme getauscht, er wandelt seinen Freibauern zuerst um und 1-2-3 ... (4 : 4).

Ich wünschte mir nur etwas mehr Rücksichtnahme vor den zertrümmerten Überbleibseln meiner einst gerühmten Nerven.

 

Fazit:

Können wir uns mit einem Mannschaftspunkt beklagen? „Abwarten und Tee trinken“, sagen die Perser.
Doch nun zu den individuellen Leistungen:

Aurel ist voll in der Pubertät. Aber das waren Jannis und Leander auch. Nach dieser Durststrecke dürfen wir frohlocken.

Lukas hat den Bann gebrochen – spät aber dafür umso eindrucksvoller. Vielleicht kann er den Drive in die letzte Runde mit rüber nehmen – super Leistung!

Bei Boris fehlen mir die Worte. Er hat ganz offensichtlich Schach im Blut und wird sich in der nächsten Saison sicherlich nicht in den unteren Gefilden der BMM unterfordern lassen – bravo!

Ingmar kann froh sein, dass er nicht eingeliefert wurde.

Bernd muss an den NEUEN BERND glauben und den alten irgendwo archivieren und auch gleich dessen unsägliche Eröffnung ablegen – sie passen nicht zueinander.

Sich über Johanns Schach zu äußern ist völlig unnötig. Er hat unglaublich viel Praxis und Verständnis. Ich bin froh, ihn im Team zu wissen. Wir können noch viel von ihm lernen.

Anja braucht Druck und Endspiel-know-how. Dann wird alles gut;)

Matthias hatte einfach einen schlechten Tag – außerdem kenne ich das: ein schlechter Zug ist wie ein Magnet – er zieht weitere schlechte Züge an …

 

Liebe Grüße

Helmut Flöel